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Im Meer, zwei Jungen

Aus dem Englischen
von Hans-Christian Oeser

Luchterhand Verlag 2003
ISBN: 3-670-87139-9

»Es ist in der Tat kein Roman geworden, wie er alle Jahre, sondern allenfalls einmal alle zehn Jahre entsteht.« Neue Zürcher Zeitung

»Das Buch beschreibt eine außergewöhnliche Jugend in Irland in eigenwillig-wunderbarer Weise. O’Neill stellt sich mit diesem Werk zu der ersten Garde der zeitgenössischen irischen Erzähler. Und das ist kein geringes Lob.« Renate Dubach, Bonner Zeitung

»Ein spannendes Buch über große Gefühle, große Träume und großen Schmerz.« Margarete v. Schwarzkopf, NDR

German cover

Klappentext

Irland im Jahr 1915, der Zeit vor dem legendären Osteraufstand. Zwei Jungen, die am Meer Freundschaft schließen und gemeinsam für die Freiheit ihres Landes kämpfen.- Ein junger irischer stellt sich in die Tradition von Joyce, O’Brien, Beckett und Yeats und legt ein Werk vor, das eine literarische Sensation ist und gleichzeitig ein atemberaubender, praller, lyrischer, zärtlicher, lebensweiser Roman.

In einem Vorort von Dublin hält Mr. Mack, Inhaber eines Krämerladens, ein wachsames Auge auf seine Umgebung. Schließlich sind die Slums nicht weit, und eine Familie im Aufwind, wie die Macks es sind, kann nicht vorsichtig genug sein. Kämpft nicht sein älterer Sohn auf dem Kontinent gegen die Deutschen, wie einst er gegen die Buren zog? Und dann Jim, sein Jüngerer ein richtiger Gelehrter könnte aus ihm werden...

Die politische Unruhe, die im Jahr vor Ostern 1916 ringsum gärt, nimmt Mr. Mack nicht wahr, ebensowenig, daß sein Sohn Jim ganz anderes im Sinn hat. Sein Freund Doyler Doyle, der spurlos verschwunden war, ist wieder da, schiebt den Karren des Mistfuhrmanns, hat den Kopf voller sozialistischer und revolutionärer Ideen und vor nichts und niemand Respekt. Täglich treffen sich die beiden Jungen am Forty Foot, dem Badefelsen für Gentlemen in der Bucht vor Dublin, und sie schließen einen Pakt: Doyler wird Jim das Schwimmen beibringen, und an Ostern in einem Jahr werden sie zu den Felsen der Muglins hinausschwimmen und die irische Fahne hissen- für die Freiheit und für ihre Liebe.

Jamie O’Neill gelingt es, die ganze Komplexität und Tragik der irischen Geschichte im Leben einer Handvoll Figuren zu konzentrieren und lebendig zu machen. Souverän mischt er Fakten und Fiktion zu einem hinreißenden Epos, und nicht zuletzt in seiner Sprache schreibt er das irische Erbe fort: Bildhaft, poetisch, melodiös, voller Anspielungen und Zitate, ist sie der eigentliche Held.

Autor

Jamie O’Neill wurde in Dún Laoghaire, einem Vorort Dublins, geboren und wuchs auch dort auf, bevor er nach England zog. Er hat zehn Jahre lang als Nachtportier in einem Londoner Krankenhaus gearbeitet, um seinen Roman Im Meer, zwei Jungen schreiben zu können. In- zwischen lebt er wieder in Irland, in Galway.

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Neue Zürcher Zeitung

September 2, 2003

Die Unzeit der Liebe. Jamie O’Neill wagt und gewinnt mit «Im Meer, zwei Jungen»

Es gehört schon eine gehörige Portion an Selbstbewusstsein dazu, Flann O’Briens legendären Romantitel «At Swim-Two-Birds» mit einem frechen Griff zu entwenden. «At Swim, Two Boys» heisst Jamie O’Neills Roman im Original. Wo O’Brien den Namen eines mythologischen Ortes im Auge hatte, tummeln sich nun zwei Jungen im Meer vor dem Dubliner Vorort Kingstown. Und wenn Flann O’Brien noch hätte mitbekommen können, was die beiden Jungen im und am Meer so alles treiben, dann wäre ihm womöglich eine leichte Schamröte ins Gesicht gestiegen. Denn O’Neill erzählt nicht nur, aber auch die Liebesgeschichte zweier kaum Sechzehnjähriger, und er tut das – was die sexuelle Seite der Liebe anbelangt – oft sehr drastisch. In Gefahr, zur Schullektüre zu werden, wird dieser Roman jedenfalls niemals kommen.

Trotzdem besitzt er alles, was nötig ist, um O’Neill in die vordersten Ränge der an Grössen wie James Joyce oder eben Flann O’Brien nicht gerade armen irischen Literatur zu katapultieren. Viel daran ändern werden auch die Ausflüge in die erogenen Zonen dieser Knabenliebe kaum, die Puristen noch heikler vorkommen könnten, weil eine der Hauptfiguren obendrein ein eingefleischter Päderast ist. Anthony MacMurrough, kurz MacEmm genannt, kann es an scharfzüngiger Kultiviertheit – und Lüsternheit – fast mit seinem Idol Oscar Wilde aufnehmen. Den letzten männlichen Nachfahren der MacMurroughs, zu denen auch ein Dubliner Oberbürgermeister zählte, hat seine Tante in Kingstown aufgenommen, nachdem er zwei Jahre Zwangsarbeit wegen schwerer Unzucht in einem Zuchthaus seiner Majestät verbüsst hatte.

Utopien der Unabhängigkeit

Es ist das Jahr vor dem Dubliner Osteraufstand von 1916, auf den der Roman zusteuert wie auf einen Abgrund. Hineingerissen in die tragische Groteske – mitten im Ersten Weltkrieg, als schwere Strafen darauf standen, die Werbeplakate der Royal Army abzureissen, und die irischen Aufständischen schliesslich mit deutschen Mauser-Gewehren schossen – werden am Ende alle Romanfiguren. Aber bis dahin sind Welten entworfen, in die man staunend eintaucht, als würden sie zum allerersten Mal in der Literatur Gestalt finden – und weil es heute kaum mehr etwas gibt, wovon nicht schon einmal erzählt wurde, ist das immer ein Zeichen für einen Schriftsteller von Format. Jamie O’Neill hat es jedenfalls geschafft, die Milieus seiner Romanfiguren in einem eigenen literarischen Kosmos zu verschmelzen.

Das Ungewöhnliche an diesem literarischen Kosmos liegt darin, dass O’Neill im historischen Moment von 1916 noch einmal die Utopie der irischen Unabhängigkeit – nicht ohne Lust an Tabubrüchen – mit der Utopie einer Liebe kreuzt, der Doyler und Jim folgen. Die beiden Jungen haben sich vorgenommen, bis Ostern die schwierige Strecke zu den Muglins schwimmen zu können, einer vorgelagerten Felseninsel, wo sie die irische Fahne hissen, aber auch ins letzte Arkanum der Liebe eindringen wollen. Nur muss Jim dazu erst einmal schwimmen lernen, und als Doyler sich der irisch-republikanischen Bürgermiliz anschliesst und in Dublin untertaucht, wird MacEmm zu Jims Schwimmlehrer. Aber der hedonistische Zyniker, der sich seine Bettgenossen zuweilen für ein paar Schilling kauft, lernt im Laufe des Romans die Grenzen seines Zynismus kennen.

Fabelhaft ist, wie leichthändig O’Neill das Gewölk am Horizont jener Zeit – das Grollen des Ersten Weltkriegs, die britische Home-Rule-Politik, die nationalistische Aufladung des katholischen Klerus – heraufbeschwört, ohne die Romanfiguren jemals zu Attrappen der Zeitereignisse geraten zu lassen. Die eigenartige Trias, die nach und nach zwischen den beiden Jungen und MacEmm entsteht, ist subtil im reichen Spektrum an Emotionen, Ängsten und Sehnsüchten der drei Aussenseiter dargestellt. Schwer zu sagen, ob es eine solche éducation sentimentale der homosexuellen Liebe auf diesem literarischen Niveau schon einmal gegeben hat, zumal stets miterzählt ist, wie sich Utopien in der Gewitterluft der Zeit aufluden, bis sie untergingen, als die sozialen und politischen Spannungen explodierten.

O’Neills oft spöttische und ironische Gegentöne zum Mythos des irischen Freiheitskampfes sind in diesem historischen Roman die Zeichen historischer Distanz. Im Grunde ist natürlich schon das Leitmotiv der gleichgeschlechtlichen Liebe ein ziemlicher Affront gegen alles falsche Pathos auch der irisch-katholischen Traditionen. Aber grosse Romane entstehen selten nur auf dem Sandboden der Ironie. Dieser zeigt sein Kaliber gerade an den Nebenfiguren, die kaum weniger facettenreich gezeichnet sind, in dem grossen Fresko allerdings auch elementar sind, um den sozialen Sphären ihre – auch sprachliche – Tiefenschärfe zu geben. Während MacEmms so forsche wie vornehme Tante Eve tief ins Innere der «Hautevolaute» – wie Doyler die Oberschicht nennt – blicken lässt, ist in der Krämerladenwelt von Mr. Mack, dem Vater Jims, die Tragödie eines königstreuen einstigen Feldwebels im Dublin am Vorabend des Osteraufstands zu verfolgen.

Sprach- und Melodienreichtum

Die eigentliche Heldin dieses Romans ist aber seine Sprache. Wenn zu Beginn des Romans Doylers Vater, ein stadtbekannter Trunkenbold, Mr. Mack, den einstigen Freund und Bataillonskameraden, aus einer Kneipe dabei beobachtet, wie «der Gockel der Stadt» eine «Irish Times» kauft («Glaubt er etwa, er wär Protestant?»): Dann zeigt schon dieses kurze Präludium, wie O’Neill mit genauem Ohr für die Alltagsmusik der Sprache die Figuren und Motive entwickelt. Man muss schon bis zu Joyce zurückgehen, und zwar dem von «A Portrait of the Artist as a Young Man» und «Ulysses», um für den Sprach- und Melodienreichtum einen Massstab zu finden – überanstrengt wie in «Finnegans Wake» ist O’Neills Sprachwitz nämlich nie.

Dass der Sound des Romans, immer wieder aus der dritten Person in innere Monologe der Figuren übergehend, auch auf Deutsch vorzüglich klingt, ist Hans-Christian Oesers makelloser Übersetzung zu verdanken, die mit federleichten Bewegungen durch die Strömungen und Wellen dieses Sprachmeeres gleitet. Wie viele aussergewöhnliche Romane ist «Im Meer, zwei Jungen» auf ungewöhnliche Weise entstanden. Dass er kein Erstling sein kann, versteht sich. Ende der achtziger Jahre hatte der aus dem früheren Kingstown stammende Jamie O’Neill bereits zwei Bücher veröffentlicht. Danach hat er in London zehn Jahre in einer Klinik als Nachtportier gearbeitet, um den Roman schreiben zu können. Es ist in der Tat kein Roman geworden, wie er alle Jahre, sondern allenfalls einmal alle zehn Jahre entsteht.

Uwe Pralle

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Suddeutsche Zeitung

29.11.2003

Jamie O’Neill erzählt vom irischen Osteraufstand

Zehn Jahre lang hat Jamie O’Neill in London als Nachtportier in einer psychiatrischen Klinik gearbeitet, um seinen ersten Roman schreiben zu können. Oft sei er gefragt worden, ob er Ire sei. „Nein, ich bin schwul”, war stets seine Antwort. Zu „inkompatibel” erschienen dem 1962 im Dubliner Vorort Dun Laoghaire geborenen Autor seine beiden Identitäten. „Im Meer, zwei Jungen” – der Titel erinnert eher grundlos an Flann O’Briens „At Swim-Two-Birds” – unternimmt dennoch den Versuch einer Synthese: Die beiden jugendlichen Helden sind homosexuell und zugleich als glühende Patrioten bereit, im Freiheitskampf Irlands ihr Leben aufs Spiel zu setzen.

Die Sehnsucht nach Anerkennung einer schwulen Liebe ist die keineswegs geheime Triebfeder dieses Romans; ihren Ausdruck findet sie in der unerschrockenen, auch in der virtuosen deutschen Übersetzung gegenwärtigen Sprachgewalt des Autors. Als Erzähler ist Jamie O’Neill ein Meister divergenter Sprachebenen, der auch vor grellem rosa Kitsch keine Angst hat und doch immer wieder von den Überschneidungen zwischen Emotion und Prostitution erzählt.

Jim Mack, Sohn eines opportunistischen Kleinbürgers, und Doyler Doyle, der seinen leiblichen Vater nicht kennt, könnten Freunde sein wie Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Doch sie werden ein Liebespaar und erleben ihre glücklichsten Augenblicke an Ostern 1916, unmittelbar vor dem Aufstand der Iren gegen die Herrschaft der Briten, bei dem Doyler ums Leben kommen wird. Gemeinsam steigen sie am „Forty Foot Cove”, dem Ort, an dem James Joyce seinen „Ulysses” beginnt, ins Meer und schwimmen hinaus zu den Felsen der Muglins, um dort eine grüne Fahne zu hissen und endlich die lange erhoffte körperliche Vereinigung zu erleben.

Wenn O’Neill die Freunde nach der ersten Liebesnacht ohne Beichte zur Kommunion gehen lässt, stellt er unmissverständlich klar, was er von den Sünden der Unkeuschheit und der gnadenlosen Rigorosität der katholischen Amtskirche seiner Heimat und dem machthungrigen Patriotismus ihrer Vertreter hält. Allein die Befreiung vom britischen Joch bedeutet noch längst nicht die Freiheit, nach der sich die Figuren dieses Romans sehnen; stets geht es auch darum, was anno 1916 schief gelaufen sein könnte. So bekommt die Liebe der beiden Freunde, verbunden mit einem Diskurs über Männerfreundschaften von der Antike bis zum Christentum, eine allegorische Dimension.

Zur Strafe einen Kuss

An der Geburt – oder besser Wiedergeburt – der irischen Nation hatten, so der Autor, alle ihren Anteil, die Armen aus den Slums und die Reichen aus den Herrenhäusern, Sozialisten und Aristokraten, fanatische Katholiken, noble Frauen und leidenschaftliche Schwule: Rebellen mit nie und nimmer auf einen Nenner zu bringenden Idealen und in ihrer Summe immer noch eine Minorität gegenüber einer teilnahmslosen oder ängstlichen Mehrheit und dem Opportunismus der irischen Oberschicht.

Wie sein prominenter Kollege Roddy Doyle in „Henry der Held” mischt O’Neill recherchierte Fakten und Fiktion. Die legendäre, im Aufstand aktive Countess Markiewicz wird so konsequent zum Vorbild für die fiktive Eveline MacMurrough, dass die Gräfin, wenn sie gegen Ende persönlich auftritt, namenlos bleiben muss und ihr schwuler Neffe Anthony denkt, „niemandem glich sie so sehr” wie seiner Tante. Anthony, ein Dandy, der sich von der Tante aushalten lässt, hat immer wieder das Beispiel Oscar Wildes vor Augen. Mutig zieht er beim „Forty Foot” einen Mann aus dem Meer; als er feststellt, dass er ausgerechnet Edward Carson, Wildes Ankläger vor Gericht, das Leben gerettet hat, küsst er ihn auf den Mund, als könne es für Carson keine schlimmere Strafe geben.

Jamie O’Neills Roman bezieht seine Kraft ebenso aus der emotionalen Leidenschaft des Autors wie aus seinem intellektuellen ikonoklastischen Engagement. Er lässt seine Helden mit zwei Heroen des Osteraufstandes, James Connolly und Patrick Pearse, zusammentreffen und meldet seine Zweifel an: „Pfadfindermores und Muskelverehrung, das christusähnliche Opfer der Jugend. Dieselben Ansichten hatten halb Europa in die Schützengräben gesungen.” Die private Geschichte und die politischen Ereignisse erreichen synchron ihren Höhepunkt; die Liebesgeschichte erzählt vor allem davon, wofür es sich zu kämpfen lohnen würde.

H. G. Pflaum

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Frankfurter Allgemeine Zeitung

5.11.2003

Badefreuden mit Joyce. Jamie O’Neill bringt der irischen Moderne die Flötentöne bei.

Auf der vorletzten Seite dieses mit viel Langmut geschriebenen Romans erlaubt sich der Autor einen kleinen Witz. Wir zählen die Seite 702, der Morgen weht bereits,durch die Vorhänge, und Jim Mack träumt noch einmal von seinem Freund, dem Doyler Doyle. Jim und Doyler – Doyler und Jim: Die Reihenfolge ist ganz egal – sind die jugendlichen Helden von Jamie O’Neills Roman; gemeinsam springen sie gegen Ende verliebt über den Rasen. „Kennst du die Geschichte von meiner kleinen Nichte?” fragt Doyler den Träumer Jim, und hier kommt der gereimte Witz: „Sie ging aus dem Haus. Und jetzt ist die Geschichte aus.” Doylers triumphierendes Grinsen – „Oh, dieses Grinsen” – gilt dabei nicht allein dem Freund, sondern auch dem übernächtigten Leser, denn „Im Meer, zwei Jungen” ist bei allem Lob, das man diesem ambitionierten Roman zollen muß, stellenweise doch zu ausführlich geraten, und der Autor tut nichts, um dies zu verbergen. Nach zehn Jahren Arbeit an seinem Buch war die Sehnsucht nach einer schneller zu Ende gebrachten Geschichte vermutlich sehr groß.

Am Anfang – in Glasthule, einer Kleinstadt „am Saume der Bucht von Dublin”, wir schreiben das Jahr 1915 – steht Jims Vater an einer Straßenecke am Zeitungsstand und kauft eine „Irish Times”. Die Zeitung ist doppelt so teuer wie jedes andere Blatt, aber Mr. Mack, „der Gockel der Stadt”, läßt sich seinen Ruf gelegentlich gern etwas kosten. Mr. Mack ist der stolze Besitzer der ortsansässigen Gemischtwarenhandlung – „oh, immer im Aufwind, das ist Mr. Mack christlicher illustriger viktualischer Mann”. Sein älterer Sohn Gordon zieht für König und Vaterland in den Krieg, der sechzehnjährige Jim besucht als feinsinniger Stipendiat das katholische Presentation College. Es könnte ihm nicht besser gehen, diesem Mr. Mack: Seine Naivität zeichnet Jamie O’Neill mit sanfter Feder.

„Im Meer, zwei Jungen”, der dritte Roman des 1962 in Dublin geborenen Autors, spielt vor dem Hintergrund der politischen Unruhen, die am Ostermontag 1916 schließlich in die Besetzung des Dubliner Hauptpostamts durch irische Nationalisten und die blutige Niederschlagung des Aufstands durch britische Truppen mündeten. O’Neill erzählt allerdings keinen konventionellen historischen Roman, in dem das politische Ambiente dieses Augenblicks en détail wiederauflebte; die Protagonisten des Easter Rising – anders als beispielsweise in Roddy Doyles „Henry der Held”, in dern der Autor seine Romanfigur sehr viel näher an den politischen Kern der Sache vordringen läßt – bleiben weitgehend am Rande des Geschehens. O’Neill ist vielmehr ein Meister der Anspielung, seine Stärke liegt in der Distanz, die er geduldig zu halten versteht, bevor er Motive miteinander verknüpft und die verschiedenen Ebenen seiner Erzählung aneinander heranführt.

Als Doyler Doyle, der Sohn von Mr. Macks ehemaligem Kameraden Mick, nach Jahren, die er auf dem Land verbrachte, in die Kleinstadt zurückkehrt, ist der Osteraufstand scheinbar noch in weiter Ferne und Doyler in Mr. Macks Augen vor allem ein Bengel aus den Slums, in die seine Familie inzwischen hinabgesunken ist. Doyler und Jim besuchten einst gemeinsam die Volksschule; als sie sich an Jims sechzehnten Geburtstag nach Jahren zum erstenmal wiedersehen, trägt Jim noch kurze Hosen, während der muskulöse Doyler als Bursche des Fuhrmanns den Mist wegkarrt und sich am Forty Foot, der „Badestelle für Herren”, hingebungsvoll schon mal ein Silberstück verdient.

Die zwei Jungen könnten auf den ersten Blick nicht verschiedener sein, und ihre gegensätzlichen Temperamente scheinen der Erneuerung ihrer unvergessenen Freundschaft inzwischen ebenso im Weg zu stehen wie das Klassenbewußtsein von Mr. Mack. Nachdem ihm ein großzügiger Gentleman allerdings die paar Shilling überlassen hat, mit denen er seine verpfändete Studierflöte zurückkaufen kann, tritt Doyler dem Spielmannszug bei, in dem auch Jim flötet: Anthony MacMurrough, der Neffe der formidablen Herrin von Ballygihen House, deren Vater man im „heiligen Irland” noch Jahre nach seinem Tod patriotische Balladen singt, wird auf diese Weise ganz beiläufig zum Stifter einer sich mit großer Behutsamkeit vorantastenden Liebe. Als Homosexueller, der nach dem Verbüßen einer mehrjährigen Gefängnisstrafe – gewissermaßen nach dem Vorbild Oscar Wildes, den er mit Vorliebe zitiert – um die bigotte Scheinmoral der bürgerlichen Gesellschaft weiß, ist MacMurrough die tragische Mittlerfigur, die Jim und Doyler den gemeinsamen Weg bahnt und O’Neills Roman zusammenhält.

Durch „At Swim, Two Boys” – so der Originaltitel – weht nicht allein aufgrund der präzisen zeitgeschichtlichen Verankerung der Geist der irischen Revolution: Bereits der Titel ist eine Verbeugung vor „At Swim-Two-Birds”, Flann O’Briens Glanzstück der irischen Moderne. Der „Ulysses” schließlich ist der überragende literarische Leuchtturm, an dem sich O’Neill selbstbewußt orientiert. Mr. Mack kommt wie ein verlorengegangener Bruder des liebenswerten Kleinbürgers Leopold Bloom daher; der Martello-Turm nahe der Badestelle am Forty Foot, von wo aus Doyler und Jim am Ostersonntag 1916 zu den Felsen der Muglins hinausschwimmen, um die irische Fahne zu hissen und sich endlich auch ihrer Körper zu ergeben, kommt auch im „Ulysses” schon auf der ersten Seite vor.

Das unablässige Echo, das derart klangvoll durch O’Neills Romanwerk hallt, verschafft der eigenen Stimme des Autors dabei jedoch nicht immer Gehör. O’Neill delektiert sich an vorbildlich komponierten Rhythmen – „A porcelain shepherdess proffered tiny sugared treats on a tray, offered them twice” –, denen Hans-Christian Oeser in seiner hervorragenden Übersetzung aber glücklicherweise nicht zwanghaft folgt – „Auf einem Tablett bot eine Porzellanschäferin winzige Naschereien an, und zwar gleich zweimal” –, und bettet seine jungen Helden auf die weichen Kissen einer Poesie, deren zum Teil erdrückende Bildhaftigkeit James Joyce zu Beginn des 21. Jahrhunderts vermutlich ordentlich aufgemischt hätte.

Eine in dieser Hinsicht etwas maßvollere Ausstattung hätte O’Neills Roman sicher nicht geschadet und ihn auf ein handlicheres Format zurückschrumpfen lassen, das dem Leser dann stellenweise vielleicht weniger Ausdauer abverlangt hätte. Naturgemäß jongliert O’Neill auch mit allen seit Joyce mehr oder minder gebräuchlichen Perspektivwechseln und führt Alltags- und Traumwelten eng zusammen. Der Wagemut, mit dem der Autor hier vielschichtig den irischen Geist beschwört, die draufgängerische Art und Weise, mit der er das reiche Erbe der Tradition ohne die geringste Scham für seine Helden Doyler und Jim beansprucht, bleibt dem Autor hoffentlich auch für seinen nächsten Roman erhalten.

Thomas David

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Titel Magazin

10.07.03

Wilde’s, zerrissenes Irland

Wenn ein irischer Autor seinen Roman At Swim, Two Boys nennt, so kann er sich der Aufmerksamkeit vieler gewiss sein. So weckte dieser Roman bei unserem letzten Irland-Aufenthalt bereits unser Interesse – aber 700 Seiten in der Originalsprache, das braucht – seien wir ehrlich – schon ein bisschen mehr Zeit als uns so bleibt. Nun liegt der Roman auf Deutsch vor und der routinierte Übersetzer Hans-Christian Oeser hat es vermieden, auch im deutschen Titel die Nähe zu Flann O’Brien zu suchen. Und diese Entscheidung ist richtig, denn Freunde der Cruiskeen Lawn werden in diesem 700 Seiten umfassenden Roman wenig finden, was an das Werk des großen irischen Humoristen erinnert. Mit dem englischen Originaltitel im Ohr näherte man sich diesem Buch von einem völlig falschen Winkel her.

Nichtsdestotrotz hat Jamie O’Neill mit diesem Roman ein außerordentliches Stück irischer Literatur geschaffen. In der Geschichte zweier Jungen, die sich schwören, zum Osterfest 1916 einen kargen Felsen in der Dubliner Bucht zu erschwimmen und dort die irische Fahne zu hissen, spiegelt sich die irische Geschichte jener Zeit. Es ist mehr als eine bloße Freundschaft zwischen den beiden, es ist Liebe, die sie antreibt, die sie verwirrt und die im katholisch geprägten Umfeld für Probleme sorgt. So deutet sich schnell der – neben der irischen Geschichtete – weitere Schwerpunkt des Romans an: Die Homosexualität. Schon vor den Jungen merkt der Leser, dass auch der Ordensbruder, der die Jungen unterrichtet, vor unkeuschen Gedanken nicht gefeit ist. Doch unkeusche und revolutionäre Gedanken liegen im Irland der (vorletzten) Jahrhundertwende eng beieinander. Als einer der Protagonisten seine Neigungen andeutet, wird er gefragt: „…willst du mir etwa sagen, du bist einer jener Unsäglichen vom Schlage Oscar Wildes?” „Falls du damit meinst, dass ich Ire bin, lautet die Antwort ja” – ist die ebenso prägnante wie provokante Entgegnung.

Den Inhalt des Romans mit seinen zahlreichen Nebensträngen hier auch nur annähernd wiedergeben zu wollen, das hieße, sich komplett zu verirren. O’Neill lässt in seinem Roman das alte Irland auferstehen, indem er sich eine Handvoll Charaktere herausgreift und diese vor dem historischen Hintergrund agieren lässt. Die politische Spannung der Zeit wird spürbar und ihre menschlichen Opfer werden jeder Verklärung entrissen, der ein Irland-Urlauber so leicht auf den Leim geht.

Doch es ist vor allem die Sprache, die an diesem Mammut-Roman überzeugt. Mal ist es der Ton des Bänkelsängers, der den Leser einlullt, dann wieder rauer Gassenjargon, der durch die Hinterhöfe schallt. Es ist eine reine Freude, O’Neills Prosa zu folgen. Doch obwohl ich Oeser als Übersetzer extrem schätze (immerhin hat er McCabes Schlächterburschen oder auch The Deas School kongenial übertragen), so bereue ich es in diesem Moment doch, die Originalausgabe damals nicht gekauft zu haben – so mancher Satz lässt doch nur ahnen, wie er im Original geklungen haben dürfte.

Was allerdings all jenen, die nicht so vertraut sind mit irischer Geschichte und die auch gerade weder Lexikon noch Reiseführer greifbar haben, eine kleine Hilfe gewesen wäre, das ist ein kleiner Anhang, in dem zumindest ein paar historische Personen und die verschiedenen politischen Gruppierungen hätten vorgestellt werden können.

Frank Schorneck

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Leselust

16. Mai 2003

Allen, die es noch nicht wissen, sei nochmals gesagt: die Macks sind auf dem aufsteigenden Ast. Dieser Meinung ist zumindest Mr. Mack, der in seinem Dubliner Vorort einen kleinen Krämerladen betreibt und geschäftstüchtig jede neue Möglichkeit nutzt, sein Geschäft der bessergestellten Gesellschaft bekannt zu machen.

Seinem Sohn Jim ist soviel Geschäftstüchtigkeit peinlich; schließlich hat er es auch so schon schwer genug, sich als Stipendiat an der Schule gegen die wohlhabenderen Mitschüler zu behaupten. Noch dazu, wo er in seiner sozialen Herkunft nicht den einzigen Unterschied zu ihnen fühlt. Erst als sein Jugendfreund Doyler plötzlich wieder in Dublin auftaucht, hat er jemanden, mit dem er sich verbunden fühlt.

Während Jim aber noch den ganzen Sommer über braucht, um zu verstehen, was ihn wirklich zu Doyler hinzieht, ist sich dieser über die Natur seiner sexuellen Ausrichtung längst im Klaren und weiß daraus durchaus auch Kapital zu schlagen.

Dublin 1916 – das ist aber nicht nur die Stadt, in der zwei Jugendliche jeden Morgen Schwimmen gehen und dabei ihre erste Liebe erleben. Es ist vor allem eine Stadt, in der neue Ideen Einzug halten, in der sich Gruppierungen gegen die beherrschenden Engländer manifestieren und so gegensätzliche Strömungen wie Sozialismus, Religion und Nationalismus kurzfristig vereinen.

Mr. Mack ist nicht politisch. Er will nur seinen kleinen Laden voranbringen und weiter stolz darauf sein, einmal Uniform getragen zu haben. Doch in seiner Unbedarftheit passieren ihm einige Missgeschicke, die ihn mit der Polizei in Berührung bringen und ihn wider Willen zu einem Agitator der Rebellen macht.

Auch sein Sohn Jim ist nicht politisch. Aber Doyler hat sich den Sozialisten angeschlossen, trägt stolz und trotzdem heimlich ihr Abzeichen unter dem Kragen und will unbedingt dabei sein, wenn es passiert – wenn es zum Aufstand kommt, dem berühmten Osteraufstand von Dublin.

Dass in über 700 Seiten natürlich noch viel mehr Geschichten und Schicksale enthalten sind als hier kurz skizziert, ist sicher nicht verwunderlich. Die eine Hauptrolle steht dabei Jim zu – seine erste Liebe, das Entdecken seiner Homosexualität und die Welt der Verbote und Heimlichkeiten, die ihm bevorsteht.

Mindestens genauso wichtig ist aber der geschichtliche Rahmen, den uns Jamie O´Neill hier präsentiert. Auf sehr lebendige Weise zeigt er uns einen Querschnitt durch die Gesellschaft jener Zeit: Kirche, Irischer Adel, Armut und aufstrebende Bürger wie Mr. Mack. Gerade mit dieser Figur hat der Autor dem Buch auch die nötige Leichtigkeit verliehen, um den 700–Seiten–Wälzer mit den ernsthaften Themen nicht unverdaulich werden zu lassen. Wie Mr. Mack von einer Katastrophe in die nächste schlittert und für Aktionen geachtet wird, die ihm eigentlich zutiefst peinlich sind – das liest sich schon sehr amüsant.

Für mich war das Buch auch sehr informativ. Wer in Irland warum gegen wen oder was kämpft ist mir in der ganzen Komplexität immer ein Rätsel geblieben. Ich will nicht behaupten, durch die Lektüre des Buches nun alles verstanden zu haben – bewahre! Nein, aber es hat für mich wieder ein paar Kerzen im Dunkel aufgestellt und mich außerdem dazu gebracht, mal wieder ein bisschen mehr zu diesem Thema nachzulesen.

Wie leider so oft bei sehr umfangreichen Büchern habe ich auch hier Probleme mit dem Abschluss. Da wurde erst so langsam und gründlich eine Szenerie aufgebaut, nur um dann gegen Ende sich überschlagende Ereignisse zu präsentieren. Dabei hätte es auch vorher schon die eine oder andere Stelle gegeben, die eine Kürzung ganz gut vertragen hätte. Auch die Liebesgeschichte hat gegen Ende hin nur an Kitschfaktor gewonnen, was wirklich schade ist. Daraus hätte man noch ein bisschen mehr machen können.

Aber alles in allem ein Buch, das ich wirklich sehr gerne gelesen, fast schon verschlungen habe – und entsprechend auch weiterempfehle!

Daniela Ecker

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Areion Online – Das Kulturmagazin im Internet

July 29, 2002. “Dublins Vergangenheit, Dublins Seele”

(This review actually refers to the English version of the book ...)

Dieses Buch ist der lang erwartete nächste Schritt der irischen Literatur, der legitime Erbe von all diesen großen und geliebten Namen, von James Joyce über Flann O’Brien und Roddy Doyle bis Frank McCourt, die das Dublin unserer Imagination bevölkert und belebt haben. Wer Irland liebt, wen die irische Geschichte interessiert, wer Dublin liebt und seine Menschen, die sich nie unterkriegen lassen, der sollte unbedingt “At Swim, Two Boys” lesen, und zwar im englischen Original. Diese Sprache, die gekonnt auf der Grenze von Joyce-artigem Originalton und Allgemeinverständlichkeit balanciert, ohne ein einziges Mal ins Straucheln zu kommen, wird keinen noch so guten Übersetzer überleben.

Hier haben wir nämlich seit langer, langer Zeit wieder einmal einen Roman, der den Mainstream realistischer, aussagekräftiger und literarisch herausfordernder Erzählkunst bevölkert, der sich in keine engen Genre-Grenzen flüchten muss, der die Kunst seiner Sprache nicht zugunsten der allgemeinen Lesbarkeit herunterschraubt, der die Kraft seiner politischen Aussage und die Lebendigkeit seiner Figuren und Geschehnisse weder dem populärem Geschmack noch den Erwartungen der nörgelnden professionellen Literaturkritik anpasst – mit dem schönen Ergebnis, dass beide Seiten dieses Buch lieben und sich ihm mit Respekt und Begeisterung gleichermaßen nähern.

Wir befinden uns in den südlichen Vororten von Dublin 1915/16, dem Jahr, das auf den irischen Osteraufstand hinführt, und wir folgen einer Gruppe von fünf eng miteinander verwobenen Hauptpersonen durch ihr Leben zwischen Slum und Herrenhaus, zwischen Gartenparty und Untergrundarmee. Im Frühjahr 1915 kommt Leben in die verschlafenen Straßen zwischen Kingstown (heute als Dún Laoghaire bekannt) und Sandycove in der unerwarteten Form eines jungen Priesters, der in seinem Enthusiasmus irischen Nationalismus für eine kurze Zeitspanne gesellschaftsfähig macht, Menschen zusammenwürfelt und Hoffnungen der verschiedensten Art weckt, wobei er selbst ein blasser und wenig ausgeführter Charakter bleibt, nicht mehr als der Katalysator, der Personen und Ereignisse des Buches in Bewegung setzt.

Da ist etwa die alte Jungfer Eveline MacMurrough, Tochter eines gefeierten Feniers der vorigen Generation, ihr Neffe Anthony MacMurrough, in England aufgewachsen und im irischen Exil, nachdem er zwei Jahre wegen Sodomie im Zuchthaus eingesessen hat, Mr. Mack, Kramladenbesitzer mit dem Drang zum Höheren, einem nicht ganz astreinen Vokabular und einem extrem schlechten Ortssinn, Mr. Macks Sohn Jim, 16 Jahre, und Doyler, Sohn von Mr. Macks altem Kameraden aus seiner Zeit bei der britischen Armee, aufgewachsen in den Slums und begeisterter Patriot und Sozialist, nicht älter als Jim.

Unterschiedlichste Motive bringen diese fünf Personen schließlich als Protagonisten, Zeugen und Opfer mitten in die Osteraufstände 1919. Ihren Wegen durch dieses letzte Jahr halbwegs ziviler Normalität (immerhin ist es die Zeit des ersten Weltkrieges!), ihren Hoffnungen, Wünschen, Ängsten, ihrem Ehrgeiz und ihrer Liebe folgt dieser großartige Roman.

Das Buch sieht sich bewusst in einer postmodernen Nachfolge der irischen Moderne: schon der Titel spielt mit Flann O’Briens fast unlesbarem Klassiker “At Swim-Two-Birds”, der Ort der Handlung schließt den Martello Tower in Sandycove ein, an dem James Joyce’s “Ulysses”, der Dublin-Klassiker schlechthin, anfängt, und auch der Kleinbürger Mr. Mack hat ganz entschieden etwas von Leopold Bloom. Auch die Personen der irischen Geschichte huschen gewissermaßen durch’s Bild: Patrick Pearse hält eine Rede am Grab von Wolfe Tone, James Connolly gibt dem Jung-Sozialisten Doyler einen Job, und selbst bei der Beerdigung von O’Donovan Rossa in Glasnevin im Sommer 1915 sind wir dabei, doch, aus Doylers Augen schauend, so weit hinten in der Menschenmenge, dass wir die berühmt-berüchtigte Rede, wieder von Patrick Pearse, in der er sagte, das Blut der Helden sei der Dünger, aus dem Nationen wachsen (schon damals nahm das kaum einer ernst, aber es wird immer wieder gerne zitiert) nicht verstehen können. Dass der Leser das weiß, davon geht O’Neill aus, doch es tut dem Roman an sich nicht den geringsten Abbruch, wenn das nicht der Fall ist; es ist nur eine zusätzliche Ebene des Lesevergnügens, etwa Pearse schon zu erkennen, bevor sein Name fällt. Der Platz im Olymp der irischen Klassiker, ganz da oben mit Yeats, Joyce und Beckett, ist Jamie O’Neill mit diesem Roman auf jeden Fall schon sicher.

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Rheinische Post, Nov 2000

Geschichte über homosexuelle Liebesbeziehung. Nachtportier schreibt bei der Arbeit erfolgreichen Roman.

Ein Krankenhaus-Nachtportier, der auf seinem Laptop in “ruhigen Stunden” einen Roman über homosexuelle Beziehungen schrieb, dürfte nach Einschätzung seines Verlags demnächst zum Millionär werden.

Der “Daily Telegraph” berichtete, der Ire Jamie O’Neill (39) habe für seinen Roman eine Woche nach Vorlage des Manuskripts bereits einen Vorschuss von mehr als 825 000 Mark (250 000 Pfund) erhalten. Die Veröffentlichung sei innerhalb der nächsten zwölf Monate vorgesehen, sagte eine Sprecherin des Verlags Simon & Schuster am Dienstag.

Laut “Telegraph” betrachtet der Verlag den Roman als eine “Sensation”, die den Werken der großen irischen Schriftsteller James Joyce, Flann O’Brien und Samuel Beckett ebenbürtig sei. In dem Buch “At Swim, Two Boys” beschreibt O’Neill eine “zärtliche homosexuelle Liebesbeziehung” während des Osteraufstands in Dublin im Jahr 1916. O’Neill, der zehn Jahre lang auf Nachtschicht an dem Roman gearbeitet hat, zeigte sich laut “Telegraph” überwältigt von der ihm gezollten Anerkennung. O’Neill wolle seinen Job an einem Londonder Krankenhaus aufgeben und sich ein kleines Landhaus in Irland kaufen, hieß es.

Sein Werk wird von dem Verlag als “so harmonisch wie eine Symphonie” gewertet. Mit dem Erwerb von Auslands- und Filmrechten dürften die Einnahmen O’Neills schnell die Grenze von einer Million Pfund (über drei Millionen Mark) überschreiten, schätzte ein von der Zeitung befragter Literatur-Agent.

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